Rocca San Casciano

Rocca San Casciano ist eine kleine Ortschaft im Montone-Tal, das zu Dantes Zeiten als das Tal von Acquacheta bekannt war. Landschaftlich gesehen ist die Kleinstadt von zahlreichen Hügeln umgeben, die herrliche Ausblicke auf die Täler im Landesinneren, den Kamm des Apennin und, an klaren Tagen, auf das Meer bieten. Die Pfarrkirche San Casciano wurde im Jahr 882 gegründet. Das erste Dokument, das die Existenz dieser Stadt mit der Beschreibung „Rocca Sancti Cassiani in Casatico“ belegt, stammt aus dem Jahr 1197. Der erste Teil des Toponyms deutet auf die Existenz eines Schlosses bzw. der Burg hin, während der zweite Teil an den Namen des Schutzheiligen erinnert. Einer Legende zufolge wurde die Festung an der Stelle der antiken etruskischen oder römischen Stadt Urbe Sassatica errichtet, die während der Barbareneinfälle zerstört wurde. Sie war im Besitz der Äbte von San Benedetto in Alpe, der Familie Traversari aus Ravenna und der Grafen Guidi aus Modigliana, ging dann aber als Vermächtnis eines Mitglieds der Adelsfamilie Calboli in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts an die Stadt Florenz. Dies war der Beginn einer stabilen Verbindung mit der toskanischen Stadt, die mit Ausnahme der Zeit von 1424-1440 bis zum Jahr 1923 andauerte, als die Gebiete der Romagna Toscana unter die Provinz Forlì fielen. Nach der napoleonischen Herrschaft erlebte die Stadt dank der Einrichtung des Gerichts erster Instanz (1837), der Unterpräfektur, des Gefängnisses und anderer wichtiger Verwaltungsstellen ihre größte Ausdehnung, die sich nach der Vereinigung Italiens mit ihrer Ernennung zum Sitz des gleichnamigen Bezirks fortsetzte, der dann 1926 aufgehoben wurde.

Der dreieckige, mittelalterliche Platz aus dem 13. Jahrhundert scheint absichtlich in der Mitte der beiden Ortsteile der Ortschaft angelegt zu sein. Seine Seiten sind mit Arkaden gestaltet, deren Säulen aus Stein gehauen sind und in der Vergangenheit die Menschenmengen aufnahm, die wegen Märkten und Kirmessen hierherkamen. Auf dem Platz befindet sich der Stadtturm aus dem 17. Jahrhundert, der eine in Keramik gefasste Uhr und die emaillierte Terrakottastatue der Schmerzensmutter mit ihrem von einem Schwert durchbohrten Herzen bewahrt, die das Erdbeben zu beweinen scheint, welches das Land im Jahr 1661 heimsuchte. Am Fuße des Turms können die Besucher in der antiken Werkstatt des Schuhmachers „Sgalì“ die Werkzeuge des Schusters besichtigen.

Sie wurde zum Gedenken an die Opfer des Erdbebens von 1661 errichtet und war der Sitz der Bruderschaft Sacre Stimmate e Misericordia. An der Fassade kann man ein Werk aus Terrakotta sehen, das ein Boot im stürmischen Meer darstellt, während Christus am Ufer wartet und im Hintergrund die Burg zeigt. Außerdem enthält sie ein Buntglasfenster, das San Cassiano darstellt. In der Neuzeit wurde sie als Ausstellungsort für zahlreiche Kunstwerke aus dem Besitz der Pfarrei genutzt. Nennenswert sind vor allem ein glasiertes Terrakotta-Tondo, das Andrea della Robbia zugeschrieben wird und die „Madonna in Anbetung des Kindes, den Heiligen Johannes und einen Engelschor” darstellt, sowie das Tafelbild mit der Dreifaltigkeit und dem toten Christus (1564) des flämischen Malers Giovanni Stradano.

Sie wurde auf Wunsch des Pfarrers Ambrogio Tassinari erbaut und 1784 dank des Einsatzes der vom Großherzog Pietro Leopoldo entsandten Maurer und Steinmetze fertiggestellt. Die Struktur hat eine nüchterne Fassade, bewahrt aber im Inneren viele wertvolle Werke. Besonders sehenswert ist ein Flachrelief aus bemalter Terrakotta aus dem 16. Jahrhundert, das die Madonna der Tränen mit Kind darstellt. Nachdem es am 17. Januar 1523 fünf Stunden geweint haben soll, wird das Bild als wundertätig angesehen. Während des Erdbebens von 1661 blieb das Bild der Madonna unversehrt an einer Wand hängen, die inmitten der Ruinen der alten Pfarrkirche nicht eingestürzt war und wurde später, am 26. Oktober 1784, an ihrem heutigen Platz verlagert.

Am Wochenende nach Ostern findet in Rocca San Casciano das traditionelle Osterfeuer (Festa del Falò) statt, das eine sehr lange Tradition hat. An den Ufern des Montone-Flusses, inmitten des wilden Jubels der Stadtteile Borgo und Mercato, brennen die majestätischen Ginsterheuhaufen. In der Vergangenheit wurde das Anlegen dieser Heuhaufen dem Heiligen Josef gewidmet, damit er im Frühjahr für gute Ernten sorge. Das Symbol des Festes ist das Feuer, das vereint, wärmt und die Gemeinschaft zusammenschweißt. Der Wettbewerb geht mit einem „Le Botte“ genannten eindrucksvollen Feuerwerk, Festwagenzügen weiter und endet mit Tänzen auf der Piazza, die bis in die späte Nacht andauern.

In der Umgebung von Rocchigiano gibt es zahlreiche Restaurants und Ferienbauernhöfe, in denen man die authentischen Spezialitäten der romagnolischen Küche entdecken kann. Zu den traditionellen Gerichten gehören Nudelgerichte aus hausgemachtem Blätterteig, wie Tortelli und Cappelletti, die mit Fleisch- oder Pilzsauce serviert werden, sowie romagnolisches Fladenbrot, frittiertes Fladenbrot und Tortello alla lastra.
In dem hauptsächlich hügeligen Gebiet haben sich zahlreiche Bauernhöfe angesiedelt, die meist familiär betrieben werden und sich der Produktion gastronomischer Spitzenprodukte widmen. Dazu gehört die romagnolische Rinderrasse, die als beste und älteste italienische Rasse zählt und durch das g.g.A.-Siegel „Vitellone bianco dell’appennino centrale“ geschützt ist. Seit 2016 ist sie mit ihren Rumpsteaks Teil des Presidio Slow Food, das die echten Gourmets anzieht. Zu diesen Qualitätsprodukten gehören auch die Käsereiprodukte, wie Schafskäse und -quark, extranatives Olivenöl und die Weinsorten Sangiovese, Mehl, historische Obstsorten und Liköre. Schokoladen- und Nougatliebhaber sollten sich einen Besuch in der ersten Schokoladenfabrik der Romagna „Dolciaria Rocca“ nicht entgehen lassen, die 1940 von Domenico Valentini gegründet wurde.
Für ein echtes Erlebnis des nachhaltigen Tourismus in Kontakt mit der unberührten Natur empfehlen sich Agrotourismus- und Landwirtschaftsbetriebe, die über das Ausflugsnetz „Percorsi della Margherita“ zu Fuß, mit dem Mountainbike oder mit dem E-Bike, das vor Ort gemietet werden kann, erreichbar sind.
Außerdem gibt es in der Altstadt noch kleine, reizende Handwerksbetriebe, die einige alte Berufe, wie z.B. in der Molkerei, Schneiderei, Goldschmiede, Stuhlflechterei und in Restauratorenwerkstätten für antike Möbel am Leben erhalten. Ein Teil der Dauerausstellung über bäuerliche und Jagdtraditionen, die nach Terminvereinbarung besichtigt werden kann, widmet sich dagegen den nicht mehr ausgeübten traditionellen Handwerken der Gegend, nämlich der Eisen- und Holzbearbeitung.

Abtei San Donnino in Soglio
Etwa 3 km von der Stadt Rocca San Casciano entfernt steht die alte Abtei San Donnino in Soglio. Die ursprüngliche Kirche, die um das Jahr 1070 erbaut wurde und seit 1214 dokumentiert ist, hatte die Form einer dreischiffigen Basilika. Im Mittelalter war es eine der ältesten und mächtigsten Benediktinerabteien und wurde dank seiner Verbindungen zu den Burgen von Montecerro und Orsarola, der Abtei von San Benedetto in Alpe und der Einsiedelei von Camaldoli zum wirtschaftlichen, kulturellen und spirituellen Zentrum des Apennins. Bis zum Konzil von Trient im Jahre 1563 wurde das Kloster von Benediktinermönchen geleitet. Im 18. Jahrhundert wurde das Gebäude wieder aufgebaut. Gegenüber des ursprünglichen Standorts war es nun weiter zurückliegend und einschiffig. An der Fassade befinden sich als Relikte der romanischen Zeit einige Skulpturen aus Istrienstein, die aus der ursprünglichen Abtei stammen. Die Skulptur an der linken Seite stellt den heiligen Petrus dar, der in der rechten Hand den Bischofsstab und in der anderen Hand die Schlüssel zum Paradies hält. In der Mitte ist das Lamm mit dem Kreuz zu sehen, rechts davon ein Mönch mit einem Räuchergefäß. Unter der Inschrift „Hoc Opus Fecit Dominus Petrus Abas“ stehen drei der vier Evangelisten. Im Inneren der Abtei kann man die Reste des Freskos „Episoden aus dem Leben von San Donnino“ aus dem Ende des 14. Jahrhunderts bewundern. Es ist ein Werk im spätgotischen Stil, das stilistisch an die Schule von Rimini und die zeitgenössische Bologneser Schule erinnert.

Castellaccio
Nicht weit vom historischen Zentrum entfernt, erhebt sich auf einem Hügel, das Castellaccio. Es dominiert das Wohnviertel von Rocca San Casciano und erhebt sich über die Dächer der eleganten Häuser im toskanischen Stil der Ortschaft. Die Festung aus Stein und Mörtel wurde um das Jahr Tausend (11. Jh.) wahrscheinlich auf Geheiß der Grafen Calboli von Calbola errichtet. Diese hatten nämlich ihre Hauptburg in Calboli (ein Ort zwischen Rocca San Casciano, Dovadola und Predappio). Im Jahr 1197 wird in einer Urkunde zum ersten Mal der Ausdruck „Rocca Sancti Cassiani in Casatico“ erwähnt, was natürlich zur Annahme der Existenz einer Burg führt, die auf die heute als Castellaccio bekannte Burg zurückgeht. Seit seiner Entstehung diente das Bauwerk der Verteidigung des alten mittelalterlichen Dorfes gegen Feinde und zur Kontrolle der Apenninpässe in der Umgebung. Die Geschichte dieses Monuments ist mit der antiken Rivalität zwischen den Ghibellinen Ordelaffi und den Guelfen De’ Calboli verstrickt. Am Ende des 14. Jahrhunderts hinterließ Francesco De’ Calboli nämlich alle seine Güter der Republik Florenz. Durch das Erdbeben von 1661 wurde das Castellaccio weitgehend zerstört. Von der ursprünglichen Burg sind nur noch der 15 m hohe Turm, ein alter Wachturm und große Teile der Mauern erhalten, die erst kürzlich wieder ans Tageslicht gebracht wurden.

Bibliothek der Franziskaner
Im Jahr 1749 zog sich Monsignore Gaetano Calvani in das Franziskanerkloster von Rocca San Casciano zurück, wohin er seine „bedeutende Bibliothek, die reich an geistlichen, kirchlichen und historischen Werken ist“ mitnahm. Vor seinem Tod schenkte er seine Sammlung den Mönchen, die ihn beherbergt hatten. So entstand die Franziskanerbibliothek. Die Spende kam zweifelsohne gut an und wurde in zwölf edlen Kirschholzregalen untergebracht, die immer noch vorhanden sind. Von der guten Beziehung zwischen Calvani und den Mönchen zeugt auch das geschnitzte hölzerne Wappen, das noch heute in der Bibliothek zu sehen ist, in dem sich das Wappen der Calvani mit dem der Mönche verbindet. Derzeit werden hier etwa 3000 Bände aufbewahrt, von denen die folgenden von besonderer historischer Bedeutung sind: „Cinquecentine“, „Le Rime del Petrarca“ von Salvadorini, das zwischen 1513 und 1526 entstand, und „Storia del Terremoto avvenuto a Rocca S. Casciano nel 1661“ von M. Di Castro, das 1664 in Faenza gedruckt wurde. In der Bibliothek befindet sich auch die Fahne, die die Einwohner von Livorno den Einwohnern von Rocchigiani nach der Wahl von Francesco Domenico Guerrazzi zum Abgeordneten des Kollegiums von Rocca San Casciano im Jahr 1860 geschenkt haben.

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